Driven! Autowelt
Grabstein, auf dem die Inschrift "R.I.P. Dieselmotor; 10.08.1893 – 21.09.2015" zu lesen ist.
Grabstein, auf dem die Inschrift "R.I.P. Dieselmotor; 10.08.1893 – 21.09.2015" zu lesen ist.
Ist der Diesel am Ende?
Grabstein, auf dem die Inschrift "R.I.P. Dieselmotor; 10.08.1893 – 21.09.2015" zu lesen ist.
Artikel

Ist der Diesel am Ende?

Wenn VW bei Abgastests betrügen muss, hat der Diesel dann überhaupt noch eine Zukunft? Sein Ende wäre eine Chance für die Elektromobilität.

"Die Manipulation an der eingesetzten Software hat es gegeben", sagte ein Sprecher des Konzerns am Sonntag in Wolfsburg. Dieses Statement könnte die Elektromobilität verändern.

Die US-Umweltbehörde EPA wirft VW vor, mit einer Software die Ergebnisse von Abgasuntersuchungen bei nahezu einer halber Millionen Diesel-Autos geschönt zu haben. Dies könnte im schlimmsten Fall für VW eine 18 Milliarden Dollar Strafe nach sich ziehen.

Konzernchef Martin Winterkorn zeigt sich dementsprechend betroffen: "Ich persönlich bedauere zutiefst, dass wir das Vertrauen unserer Kunden und der Öffentlichkeit enttäuscht haben. Die Geschehnisse haben für uns im Vorstand und für mich ganz persönlich höchste Priorität." Insider rechnen damit, dass dies das Ende seiner Karriere bedeuten könnte. VW hat den Verkauf von Dieselfahrzeugen in den USA vorläufig eingestellt, die Aktie brach gestern bereits um 20 Prozent ein.

Ein klarer Fall von Betrug

Mittels einer speziellen Software, die dafür sorgt, dass die strengen Grenzwerte eingehalten werden, wurden Ergebnisse geschönt. "Einfach gesagt, diese Autos hatten ein Programm, das die Abgasbegrenzung beim normalen Fahren ausschaltet und bei Abgastests anschaltet", erklärt EPA-Vertreterin Cynthia Giles. Die "hochentwickelte Software" von Volkswagen erkennt, ob Autos behördlichen Tests unterzogen werden oder im Normalbetrieb unterwegs seien. Die Epa nennt sie "Defeat Device", Abschalteinrichtung.

Bundesverkehrsministerin Dobrindt ist ebenfalls eingeschaltet und hat Winterkorn zu einer Stellungnahme über die verkauften Dieselfahrzeuge in Deutschland gebeten.

Das Diesel-Problem

Durch den Trick sollen die VWs im Normalbetrieb die Abgasgrenzen um das 40-Fache überschritten haben. Diese Größenordnung – und das ausgeklügelte System, mit dem betrogen wurde, machen vor allem den Umkehrschluss interessant: Sind VW und Audi nicht in der Lage, gesetzeskonforme Dieselmotoren wirtschaftlich zu produzieren? Denn wenn sie es wären, hätten sie sich wohl kaum derartig riskante Schritte eingelassen.

Wenn man aber weder in Wolfsburg noch in Ingolstadt einen sauberen Diesel bauen kann, warum sollte man das dann in München oder Stuttgart können? Es ist also naheliegend, dass BMW und Mercedes ebenfalls tricksen. Das Statement von Daimler-Chef Zetsche ist auch dementsprechend vorsichtig formuliert: "Ich weiß viel zu wenig über den Fall, um zunächst mal beurteilen zu können, wie gerechtfertigt der Vorwurf Volkswagen gegenüber ist und ob wir zu hundert Prozent und in jeder Betrachtungsweise davor völlig sicher sein können", sagte Zetsche.

Werte gelten schon lange als unrealistisch

Dass die deutsche Dieseltechnik eine gewisse Rückendeckung der Bundesregierung hat, ist schon seit längerem bekannt – Berlin sperrte sich z.B. lange gegen eine Vorschrift für Rußpartikelfilter. Und auch der aktuelle Skandal kommt eigentlich nicht wirklich überraschend: Der ADAC moniert z.B. schon seit langem, dass speziell bei Dieslautos die Herstellerangaben zum Schadstoffausstoß nicht stimmen können.

Eine gewisse Klungelei wäre hier schon vorstellbar: Bei hohen Spritpreisen auf der einen und der Kundenwunsch nach immer stärkeren Motoren auf der anderen Seite schien die neue Turbodieseltechnologie vor ca. 20 Jahren ein schöner Ausweg zu sein. Dementsprechend kräftig wurde in diese Technologie investiert – und große Investitionen der Vorzeigeindustrie könnten im Autoland Deutschland im Zweifelsfall schon zur Staatsraison zählen.

Bild eines VW Touaregs vor der Münchner Oper.

Chance für Elektromotoren

Sollten sich diese Spekulationen, dass nicht nur VW sondern der Dieselmotor an sich ein Problem haben, bewahrheiten, säßen die deutschen Autobauer gewissermaßen  in der Falle: Sollten sie es nicht schaffen, das Abgasproblem schnell in den Griff zu bekommen, müssten sie auf der einen Seite die großen Investitionen in die Dieseltechnik abschreiben. Auf der anderen Seite sind ihre Produktpaletten inzwischen voller Spritschlucker, allen voran den SUVs. Der Verbrauch von Geländewagen mit Ottomotor ist aber notorisch hoch – und für viele Kunden schlicht nicht wirtschaftlich.

BMW hatte vor kurzem sowieso schon angekündigt, mittelfristig fast alle Modelle auf Plug-in-Hybride umzustellen.

 

Außerdem zu diesem Thema: