Driven! Autowelt
Aufnahme eines Tesla Model S.
Aufnahme eines Tesla Model S.
Tesla & Musk: Ein Mann und sein Auto erobern die Welt
Aufnahme eines Tesla Model S.
Artikel

Tesla & Musk: Ein Mann und sein Auto erobern die Welt

"Dieselgate" macht Elon Musk zum Mann der Stunde. Aber wie genau funktioniert eigentlich sein "System Tesla"?

Für Elon Musk könnte es auf seiner "Europatournee" kaum besser laufen: Das von vielen sehnsüchtig erwartete "Model X" ist gerade auf den Markt gekommen und in Holland wurde die neue Europa-Fabrik fertig. Und dann unternimmt mit VW auch noch der größte der „klassischen“ Autobauer eine Art Selbstmordversuch.

Dementsprechend genüsslich kann Musk das „Dieselgate“ dann auch kommentieren: „Um all die Bestimmungen für Diesel-Motoren einhalten zu können, muss man wahrscheinlich heute tricksen“, teilte er der Auto-Bild mit. Dort wurde er natürlich von Kai Diekmann persönlich empfangen, wie auch schon von Vizekanzler Gabriel im Wirtschaftsministerium.

Die große Abgas-Lüge

Vor allem im Angesicht des Abgasskandals wirkt Tesla wie das Unternehmen der Zukunft: Täglich wird deutlicher, dass man sich bei diesem Thema nach Kräften in die Tasche lügt, denn die offiziellen Abgasnormen sind pure Augenwischerei: Wer sein Auto auch außerhalb von Prüflabors benutzen will, muss einsehen, dass er die Atemluft damit sehr viel stärker belastet, als gedacht.

Dieses Problem betrifft nun aber nicht nur VW, sondern schlichtweg alle Autobauer – alle bis auf Tesla. Denn Tesla baut keinen einzigen Verbrennungsmotor – und überhaupt macht Tesla vieles anders. Denn wenn Musk die Führungsriege der deutschen Autoindustrie als „old school“ bezeichnet, meint er damit weit mehr, als nur die Antriebskonzepte.

Startup Flair

Vom – inzwischen zurückgetretenen – VW-Chef Martin Winterkorn kursierte mal eine eigentümliche Charakterstudie, die ihn bei der Besichtigung eines Hyundais auf der IAA 2011 zeigt. Ohne zu wissen, dass er aufgenommen wird, hantiert er hier übellaunig mit einem Maßband und kommandiert einen Ingenieur zum Rapport. Der Führungsstil wirkt hierarchisch, cholerisch und denkbar kleingeistig. Zum Video.

Tesla verkörpert in allen Fällen das Gegenteil.  2003 wurde das Unternehmen von zwei Internet-Startup-Veteranen mit einer großen Vision gegründet. Musk selbst, der dort bald das Ruder übernahm, war schon damals eine Art Dotcom-Legende: er hatte unter anderem sehr früh in den Bezahldienst Paypal investiert.

Eine neue Philosophie

Tesla praktiziert  in vielen Punkten jene neue Geschäftsphilosophie, die mit dem Aufkommen des Internets entstand und wohl am ausdrücklichsten in den 95 Thesen des sogenannten „Cluetrain Manifestos“ niedergeschrieben wurde.

Neben flachen Hirarchien und einem gelebtem Zukunftsoptimismus drückt sich das z.B. auch in der freien Herausgabe von Informationen aus. So hat Tesla 2014 dann auch all seine Patente an die Allgemeinheit übertragen.  

Screenshot des twitterprofils von Tesla-Chef Elon Musk.

Die „Ein-Mann-Marketing-Armee“

Auf klassisches Marketing und die üblichen Inszenierungs-Riten der Auto-Branche verzichtet Tesla weitesgehend: Während Jaguar auf der IAA sein neues SUV durch ein 19 Meter hohes Looping jagte, war Tesla dort nur äußerst zurückhaltend vertreten.

Aber auch ohne die üblichen PR-Spektakel erregt Tesla wohl mehr Aufsehen als alle anderen Autobauer zusammen. Dafür braucht man dort allerdings kaum mehr als den Twitter-Account des Chefs. Auf dem Medium, das wie kein anderes für ein neues Denken steht, hat Musk fast 3 Millionen Folllower. Dort verbreitet er auch seine Visionen: Er will den Mars durch Atomwaffen-Bombardement der Polkappen bewohnbar machen, bis 2020 völlig autonom fahrende Autos bauen und die Menschheit mit atemberaubenden Ideen wie dem Hyperloop beglücken. @elonmusk ist eben nie um eine Sensation verlegen.

Und oftmals trifft er dabei eben auch genau den Nerv: Die Idee, dass man zum Tesla-Auto auch gleich unbegrenzt kostenlosen Strom an den Superchargern dazu bekommt, ist schwer nach dem Geschmack der "Generation Flatrate“.

Bild eines Tesla Model S und der Unterbodens eines weiteren Model S, bei dem amn die Verbauung von Batterie und Antrieb im Boden des Fahrzeugs erkenne kann.

Im Alleingang einen neuen Markt geschaffen

Das beeindruckenste an Tesla ist aber wohl das Auto selbst. Vor allem die deutsche Automobilindustrie hat lange die Legende gepflegt, dass man mit weniger als 100 Jahren deutscher Ingenieurstradition besser erst gar nicht als Autobauer auftreten sollte. Im geflügelten Wort vom „german engineering“ schwang das jedenfall immer mit.

Tesla brachte dann aber nach nur 9 Jahren Entwicklung das Model S auf den Markt. Und während man es hierzulande gewöhnt war, an ausländischen Fahrzeugkonzepten früher oder später eine entscheidende Schwachstelle zu finden, lässt sich am Tesla S nicht viel aussetzen: In punkto Performance hält er nicht nur mit, er setzt Maßstäbe. Die Beschleunigungswerte liegen auf "Porsche-Niveau" und die Straßenlage ist fantastisch, da Akkus und Antrieb im Boden verbaut sind, was den Schwerpunkt senkt.

Nebenbei musste man sich in Kalifornien aber auch noch darauf einstellen, dass man ein Auto baut, für das es keine Ladeinfrastruktur gibt. Aber selbst davon ließ man sich nicht entmutigen: Kurzerhand wurde große Teile der USA und Europas mit eigenen Ladesäulen, den Superchargern, zugepflastert.

Kein Licht ohne Schatten

Die Bewunderung für Musk wird allerdings auch häufig übertrieben. Um die  Bedeutung von Tesla richtig einordnen zu können, muss man sich nämlich auch die  weniger euphorisierenden Fakten im Auge behalten. Der wichtigste davon ist, dass Elektroautos bislang höchstens „mittelgrün“ sind, denn Emissionen kann man sehr wohl auch ohne Auspuff verursachen. Wenn man nun alle Faktoren, von der aufwendigeren Produktion der E-Mobile über die Emissionswerte des „Durchschnittsstroms“ bis zum Recycling Batterie zusammenrechnet, dann verursacht ein Elektroauto ca. genauso viel CO2 wie ein sparsamer Benziner.

Andererseits ist die Tesla-Parole, dem E-Auto gehöre die Zukunft, wohl trotzdem richtig: Zumindest theoretisch lassen sich diese Abgase nämlich über eine grünere Stromerzeugung immer weiter reduzieren. Und auch der Trend zu vernetzen bzw. autonomen Fahrzeugen lässt sich elektrisch besser umsetzen als mit Benzin.

Deutscher Markt schwierig

Speziell der deutsche Markt gestaltet sich aber als schwieriger, als Musk es zunächst angenommen hat. Das ist im Prinzip keine Überraschung, denn für das Tesla Model S ist „the Autobahn“ extremes Terrain. Denn weder die über bis zu 700 PS noch die berühmten 2,9 Sekunden von 0 auf 100 km/h im „ludicrous mode“ (nur beim Topmodel P90D ) sollten darüber hinweg täuschen, dass die Teslas nur bedingt „autobahntauglich“ sind.

Spritzige Beschleunigungen zwischen 100-200km/h machen ihnen nämlich schwer zu schaffen. Nach 2 bis 3 Sprints hintereinander wird es der Motorsteuerung dann zu bunt und sie drosselt die Leistung entschieden herunter.  Auch ein längeres Fahren mit mehr als 200 Sachen ist keine so gute Idee – die Reichweite verringert sich dann nämlich exponentiell. Notwendig ist natürlich keines beiden – aber im Tesla-Segment von 70 bis 150.000€ gibt es so einige Benziner, die mit solchen Anforderungen keinerlei Probleme haben.

Ohne Garage geht nichts

Ein Eigenheim sollte man übrigens ebenfalls besitzen, denn nur mit eigener Wallbox lässt sich der Tesla vernünftig laden. Hängt man ihn einfach nur per Kabel an die nächste Steckdose, dann braucht man mehr als nur eine Nacht. Auch an den „Superchargern“ auf der Autobahn, an denen Tesla-Kunden den Strom geschenkt bekommen, lädt man in den berühmten „15 Minuten“ keineswegs die volle Reichweite, sondern höchtens zwei Drittel davon. Das letzte Drittel muss man um Einiges langsamer füllen, sonst nimmt der Akku Schaden.

Und die Gesundheit der Batterie sollte man lieber gut im Auge behalten: Der Konzern gibt zwar eine 8-Jahres-Garantie dafür aus, Leistungsverluste werden damit aber nicht abgedeckt. Experten gehen davon aus, dass die Akkus innerhalb der 8 Jahre um bis zu 70 Prozent abbauen können.

Tesla verdient noch kein Geld

„Wir können nicht ewig Verluste machen“ stellte Musk erst kürzlich klar. Dieses Statement erinnert daran, dass das Unternehmen noch keine Gewinne erwirtschaftet und schon mehrmals kurz vor der Pleite stand.

Das soll sich durch die baldige Eröffnung der sogenannten „Gigafactory“ ändern. Dort will Tesla die Batterien in einer ganz neuen Größenordnung fertigen. Damit könnten sie dann zum einen in ihre Beschränkung auf das Hochpreissegement verlassen: Ein „Model 3“ für ca. 35 000 Dollar ist bereits geplant. Zum anderen wollen sie damit gewissermaßen auch von ihren Nachahmern profitieren und zum führenden Lieferanten für E-Auto-Akkus werden.

Vor 2016 rechnet aber selbst der Berufsoptimist Musk nicht mit einen positiven Cashflow.

Die Welt ist nicht genug

Der Batterie-Ansatz passt in Musks Visions-Denken: Da sowieso bald die ganze Welt elektrisch fährt, würde der Hersteller der mit Abstand besten Batterie fast an jedem einzelnen Fahrzeug mitverdienen – eine schöne Kapitalbasis, um dann im nächsten Schritt alle Autos auf „selbstfahrend“ umzustellen.

Aber auch das sollte schnell gehen, denn den Mars will Elon Musk ja bekanntlich auch noch erobern.

Außerdem zum Thema Elektromobilität: