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Kongenial: Elektromobilität und Carsharing
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Interview

Kongenial: Elektromobilität und Carsharing

Hans-Peter Grashoff hat Konzepte entwickelt, die das Reichweitenproblem der eMobility lösen und das Privatautos überflüssig machen.

Im Mobilitätsbereich vollzieht sich ein Wandel. Verkehrspolitisch richtet sich das Augenmerk gerade auf den schnellen Ausbau der Elektromobilität. Doch einigen Kritikern geht die rein technische Substitution der Fahrzeuge nicht weit genug. Sie fordern ein Weiterdenken von einer nachhaltigen Mobilität hin zu einem Paradigmenwechsel, also beispielsweise eine engere Verzahnung zwischen Wohn- und Fahrkonzepten. YooCorp sprach mit Hans-Peter Grashoff, Gründer der Zukunftsinitiative 3E.

 

YooCorp: Sie setzen sich intensiv mit der Realisierung von Elektromobilitäts-Anwendungsmodellen auseinander und haben dafür drei Konzepte: WENAMEN, eTOURe und eFUGIUM entworfen. Was steckt dahinter?

Als kaufmännischer Projektmanager sehe ich Mobilität grundsätzlich als einen Markt, der sich wie alle Märkte an Nachfrage (Mobilitätsbedarf) und Angebot (Deckungsressourcen) ausrichtet. Der Mobilitätsmarkt hat aber eine besondere und zunehmend negativ wirkende Besonderheit. Er ist - weil ziemlich unstrukturiert - chaotisch und verfügt - weil strategisch unorganisiert - über einen ständig wachsenden Überhang der Deckungsressourcen. Mit Elektromobilität allgemein und dem Elektroauto speziell bieten sich nun ausgezeichnete Chancen für den angesprochenen Wandel. Mit Elektromobilität kann somit mehr bewegt werden als nur Verkehr.

Das Konzept WENAMEN steht für Weniger Auto mehr Nutzung – und ist das Leitmotiv all unserer Aktivitäten. Es entwickelt sich aus den 3 Schlüsselbegriffen des Grundgedankens der Zukunftsinitiative 3E: Elektromobilität in Verbindung mit erneuerbarer Energie und effizienter Ressourcennutzung.

WENAMEN versteht sich als alternatives Mobilitätskonzept genauso wie als Grundlage einer neuen Autophilosophie. Das Elektroauto ist bereits heute technisch, organisatorisch und vor allem wirtschaftlich nutzbar – nur kommt das angesichts der über Jahrzehnte gewachsenen Mentalität der Verbrennermobilität in den Köpfen des normalen Autonutzers nicht an. Wir wollen daher mit wirtschaftlich tragfähigen Modellen im Alltag funktionierende Elektromobilität erlebbar machen. Der Autonutzer soll sich so ungezwungen und kostenneutral mit dem Elektroauto und dessen Möglichkeiten und Vorzügen vertraut machen können.

eTOURe verbindet Elektromobilität mit Tourismus und richtet sich an Erlebnisreisende. eFugium ist ein Urbanisationsmodell und steht für e-mobiles Wohnen, einer Kombination von „Immobilie“ für Wohnen und „Mobilie“ für Mobilität. 

 

YooCorp: Wo sehen Sie die aktuellen Schwierigkeiten beim großen Thema Elektromobilität?

Der Begriff Elektromobilität ist differenzierter zu betrachten. Denn es gibt sie ja schon und zwar lange. Auf der Schiene dominiert sie längst und auch im gewerblichen Transportbereich hat sie sich nicht nur in der Logistik einen Platz erarbeitet. Dazu kommt der Erfolg des elektrisch unterstützten Fahrradfahrens.

Die Schwierigkeit besteht in der neuen Dimension der Elektromobilität, die nunmehr in Form des Elektroautos den Individualverkehr verändern wird und das nicht nur mit Blick auf die CO2-Emission. Grundsätzlich steht man dem Elektroauto positiv gegenüber. Gäbe es da nicht diese eklatanten NoGo-Eigenschaften Reichweite und zu hohe Investitionskosten. Beide Argumente sind zwar irrelevant und widerlegbar, aber die emotional geprägte Verbrennermentalität lässt noch nicht zu, das Elektroauto und Verbrennerauto auf einer objektiven Ebene verglichen werden.

Angesichts der Tatsache, dass über 90% aller Privatfahrten Kurzstreckenfahrten sind, gibt es kein Reichweitenproblem sondern lediglich eine eigentlich leicht lösbare Organisationsaufgabe. Und auch der Vergleich der Investitionskosten hinkt. Zum einen hat das „kleine“ Elektroauto Ausstattungsmerkmale, die man sonst nur ab der oberen Mittelklasse findet, zum anderen wird nirgends der erheblich bessere Nutzwert berücksichtigt. Wie auch, wenn private Verbrennerautos - eigentlich ein Investitionsgut für den Transport von Mensch und Sache - zu 85% stehen und, wenn sie fahren, nur 25% ihrer Kapazität genutzt werden.  

Zusammenfassend gesagt, der notwendige Paradigmenwechsel ist die Schwierigkeit. Die noch fehlende Bereitschaft, sich auf einer anderen, neuen, innovativen Ebene mit dem Thema Mobilität zu beschäftigen und sich im Nutzungsdenken neu zu positionieren.

 

YooCorp: Was muss sich ändern?

Wir müssen die Leitmotive der Verbrennermobilität umkehren: Von Emotion vor Vernunft zu Vernunft vor Emotion und aus Produkt vor Nutzung muss Nutzung vor Produkt werden.

Außerdem müssen wir jetzt weg von den aufwendigen und unkoordinierten Versuchen theoretisch und kleinteilig das Elektroauto zu präsentieren. Es braucht eine Marketingstrategie die das Elektroauto mehr praxis- und nutzungsorientiert beim Nutzer präsentiert und das viel sichtbarer, hörbarer und eindrucksvoller als bisher. Der Nutzer muss anhand funktionierender Alltagsbeispiele mitgenommen und unterschwellig überzeugt werden.  

Um übergeordnet, also unabhängig von Elektromobilität, zu einem besseren Ausnutzungsverhältnis aller notwendigen Ressourcen zu gelangen sollte Mobilität nutzungsbezogen neu definiert werden. Ziel sollte die Schaffung eines übergeordneten Rahmens sein, an dem sich alle Angebote bedarfsorientiert ausrichten können. Dazu gehört die Auflösung der starren Grenzen zwischen den Nutzungsarten ebenso wie die Nutzbarmachung von Möglichkeiten zur systemübergreifenden Deckung des Mobilitätsbedarfs, auch und insbesondere in der Verbindung von Ballungsgebieten und ländlichem Raum.  

Übrigens finde ich das Engagement und die Bereitschaft zur Unterstützung in den Ministerien von Bund und Ländern gut – allerdings vermisse ich eine zielgerichtete Strukturierung. Und was die Maßnahmen zur Unterstützung des Elektroautos betrifft bin ich überzeugt, dass es sinnvoller und sicher erfolgreicher wäre, wenn Betrieb und Nutzung gefördert würden und nicht die Anschaffung. 

Auch wenn es viele noch nicht akzeptieren können und wollen: Mit der richtigen Einstellung und entsprechenden Konzepten ist die Nutzung und der Betrieb eines Elektroautos schon heute zu niedrigeren Kosten für den Nutzer möglich als der eines Verbrenners und zwar ohne Einschränkung der mobilen Freiheit und mit einem insgesamt größeren Spaßpotenzial (Motto „Zur Arbeit im i3 und ins Wochenende mit dem i8“). 

 

YooCorp: Sie verstehen CarSharing in einem anderen Sinn. Was ist der Unterschied zu den konventionellen Angeboten?

Die aktuell angebotenen Carsharing-Modelle sind reine Geschäftsmodelle auf der Basis der Vermietung eines verfügbaren Autos an einen eventuellen Nutzer. Nach meinen Informationen erwirtschaftet keines der laufenden Modelle den Kostendeckungsbeitrag aus dem operativen Geschäft. Logisch angesichts eines täglichen Auslastungswertes von 7 Minuten wie eine aktuelle Studie offenbart. Dieser Wert ist zudem niedriger als bei Autos in Privatbesitz.

WENAMEN eCarSharing ist ein Solidarkonzept im Anwendungsbereich Elektromobilität zur effizienten Nutzung des Elektroautos, bezogen auf die Deckung des Mobilitätsbedarfs einer geschlossenen Nutzergruppe. Dabei sind Fahrzeugpool wie Nutzerkreis flexibel erweiterbar. Zudem gibt es keine Grenzen zwischen den Nutzungsarten oder den Deckungssystemen. Die organisierte Nutzung steuert die Betriebskosten und ermöglicht durch intensive Auslastung Kostensenkungen für jedes Mitglied des Nutzerkreises. Darüber hinaus werden die Kosten nachhaltig kontrollierbar, außerdem können sie durch Mehrnutzung nur sinken, nicht steigen.

 

YooCorp: Berufstätige führen als Argument gegen das CarSharing oft die individuellen Arbeitszeiten an, die nicht immer mit den Sharingangeboten vereinbar wären. Wie sehen Sie das?

Die Verfügbarkeit der Fahrzeuge bei WENAMEN eCarSharing orientiert sich an der Art der Nutzung. Die Fahrt zur Arbeit und zurück ist beispielsweise eine Primärnutzung (mit über 70% die größte - davon 63% übrigens sogar ausschließlich) und bedeutet, dass dem Primärnutzer ein Fahrzeugsystem (Auto mit Ladestation) an die Wohnadresse zugewiesen wird. Er hat also unabhängig von seinen Arbeitszeiten immer ein Auto für seinen Pendelbedarf verfügbar, es ist nur nicht sein eigenes und vermutlich nicht oft das gleiche. Er bezahlt für dieses Auto nur wenn er es nutzt. Ansonsten muss er sich um das Auto nicht kümmern und profitiert davon, dass es ein Organisationssystem gibt, welches die Nutzung in den Zeitfenstern der Sekundärnutzung abwickelt und verwaltet.

 

YooCorp: Sie haben ein Pilotprojekt für Ihr Tourismuskonzept eTOURe entworfen und schlagen Mecklenburg-Vorpommern als ideale Region für die Erprobung vor. Welche Gründe sprechen ausgerechnet für diese Region?

eTOURe beschränkt sich nicht darauf einem Touristen vor Ort alternativ ein Elektroauto für eventuelle Fahrten bereitzustellen. eTOURe ist vielmehr ein eigenständiges Tourismusprogramm für Mehrtages- und Tagestouren, bei dem das Fahren mit dem Elektroauto ein Bestandteil der Erlebnisreise ist. Aus WENAMEN-Sicht ist in diesem Konzept die Tourismusfahrt eine Primärnutzung.

Die nach eigenen Vorstellungen und dem Erlebnisbaum-Konzept zusammenstellbaren Reiseprogramme umfassen die Ziele des normalen Angebotes aber auch Ziele, die sonst nicht mit Motor und 4 Rädern angefahren werden können oder mit Elektromobilität zumindest zu einem besonderen Ziel werden. Außerdem können außergewöhnliche Streckenprofile nutzbar gemacht werden.

Nach den Voruntersuchungen für ein Pilotprojekt konzentrieren wir uns für Deutschland auf zunächst 3 Regionen. Mecklenburg-Vorpommern eröffnet in den drei wesentlichen Voraussetzungsfeldern sehr gute Möglichkeiten. Für Erlebnisreisende, der Hauptzielgruppe von eTOURe, gibt es bereits eine Vielzahl von interessanten Angeboten und Zielen in allen Erlebnisbereichen. Das bedeutet gute Möglichkeiten für eine Aufwertung durch Elektromobilität. Es gibt darüber hinaus Destinationen, die erst durch das Elektroauto erschließbar werden. Und generell lässt die allgemeine Verkehrsinfrastruktur, nicht nur mit Blick auf Sekundärnutzungen, Raum für die Integration ergänzender und erweiternder Angebote mit dem Elektroauto.      

 

YooCorp: Einen bedeutenden Schritt zu einer modernen Urbanität sehen Sie in neuen Urbanisierungsmodellen, wie das oben genannte eFugium. Gibt es hierfür bereits Vorbilder?

Ich bin nicht der einzige Projektentwickler, der sich mit den Chancen einer Kombination von Wohnen und Mobilität beschäftigt. Wer mit offenen Augen durch eine Siedlung geht erkennt schnell, dass für die Deckung des Mobilitätsbedarfs der dort lebenden Menschen mit einer entsprechend sinnvollen Eigentums- und Organisationsstruktur maximal die Hälfte der zur Verfügung stehenden Fahrzeuge ausreichen würde.

Es gibt in Teilbereichen schon funktionierende Beispiele an denen man sich orientieren kann und im Ausland (z.B. in Schweden) existieren gleichartige Überlegungen – aber praktische, also bereits besichtigungsfähige Vorbilder kenne ich leider keine. Allerdings kenne ich auch nicht alle Vorhaben. Meines Wissens bin ich aber in der Konsequenz der Integration der 5 Lebensqualität ausmachenden Segmente in einer Alleinstellung.  

 

YooCorp: Haben Sie bereits Interessenten, die an der Umsetzung Ihrer Konzepte interessiert sind?

Die Konzepte sind erst kürzlich mit den dazu erforderlichen Fachbereichspartnern wirtschaftlich und organisatorisch machbar fertig gestellt worden, so dass der konzeptkonforme Betrieb von Testprojekten mit 20-30 Fahrzeugen bei interessierten Arbeitgebern oder des ersten eTOURe-Projektes mit 200 Fahrzeugsystemen gewährleistet werden kann. Auch eFugium-Projekte können sofort in Angriff genommen werden. Zu berücksichtigen ist, dass die Basiskonzepte Rahmen darstellen. Die Umsetzung als Projekt erfordert eine Anpassung an das jeweilige regionale Bedarfsprofil. Dazu bedarf es stets kompetenter Projektpartner vor Ort. 

Die Akquisition von weiteren Projektpartnern für die operative Realisierung hat gerade erst begonnen. Die Hauptaufgabe besteht nunmehr darin, die Konzepte öffentlich zu machen, um allgemeines aber auch konkret regionales Interesse auslösen zu können. Aus dem bereits bestehenden Netzwerk heraus findet aktuell eine Reihe von konstruktiven Gesprächen in alle Richtungen statt, die aber noch keine substanzielle Aussage zulassen.

eTOURe hat in Spanien bereits positives Feedback ausgelöst und konnte sowohl zwei Hotelgruppen wie einen Reiseveranstalter animieren über eine Beteiligung nachzudenken. Für das Urbanisationsmodell eFugium gibt es im Rahmen eines Mitarbeiterbindungsprogramms das Interesse eines großen Arbeitgebers, sich als Mitträger zu engagieren. Eine Aktion, mit der Arbeitgeber einzeln oder für Trägergemeinschaften als Projektpartner gewonnen werden sollen, wird gerade vorbereitet.

YooCorp: In welchen Bereichen suchen Sie noch Unterstützer?        

Eigentlich bin ich im derzeitigen Stadium offen für Kooperationen in allen Aufgabenfeldern. Angesichts der übergeordneten und schwierigen Aufgabe einen Paradigmenwechsel anzustoßen wären innovative, kreative und vor allem mutige Marketingpartner wichtig.

Mit Blick auf die Umsetzung der Konzepte betrachte ich alle, die sich mit unseren Ideen und Konzepten beschäftigen und dazu auch äußern als potenzielle Unterstützer, unabhängig davon, ob ihr Beitrag zustimmend, ablehnend oder konstruktiv kritisch ist. Da nicht immer das Rad neu erfunden werden muss, ist vor allem der Austausch mit anderen Entwicklern und Projektverantwortlichen interessant. Die langjährige Arbeit als unabhängiger Projektmanager hat mir aufgezeigt, welche Vorteile die Bündelung von Kompetenzen bei gleichgelagerten Zielen hat. Teamorientierte Kooperationen führen in der Regel schneller, besser und mit weniger Aufwand zum Ziel als Wettbewerb, insbesondere wenn sie in der Übergangsphase von der Projektentwicklung zum Projektmanagement zustande kommen.

Speziell für die Umsetzung des Urbanisationsmodells eFugium sind Flächen erforderlich. Jeder Kontakt zu einem interessierten Grundstücksbesitzer ist eine entscheidende Hilfe, denn was nutzen die besten Partner und Interessenten wenn man für die Realisierung eines Wohnkonzeptes keine Flächen hat.

Zu guter Letzt: Man kann mit neuen Ideen nur überzeugen wenn man Gehör findet, also ist jede seriöse Möglichkeit interessant, bei der die Zukunftsinitiative 3E mit den Anwendungskonzepten rund um WENAMEN eCarSharing präsentiert werden kann. Darum danke ich ihnen und YOO/CORP für diese Gelegenheit hier.      

 

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