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E-Monday: der Stammtisch der Praktiker
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E-Monday: der Stammtisch der Praktiker

Der e-Monday ist ein Pflichttermin für Elektromobilitäts-Experten. Dort wird allerdings nicht geträumt, sondern knallhart gerechnet.

Wer sich nur sporadisch mit dem Thema Elektromobilität beschäftigt, der bekommt manchmal den Eindruck, die Branche besteht hauptsächlich aus tolldreisten Ideen.

Tesla-Chef Elon Musk verteilte via Twitter z.B. mal Blaupausen für das sogenannte „Hyperloop“, ein riesiges Rohrpostsystem, mit dem er  Menschen per Unterdruck von Stadt zu Stadt schießen will – natürlich mit Überschallgeschwindigkeit und völlig emissionsfrei. Außerdem kursieren Gedankenspiele, nachdem alle Autobahnen induktiv mit Strom versorgt werden könnten, so dass man E-Autos ohne Akkus bauen könnte. Und dann gibt es da noch den Klassiker: die Idee, bald alle PKWs der Welt durch autonom fahrende E-Taxis zu ersetzen.

Elektromobilität: Branche der Utopien

Meistens ahnt man aber schon, was aus diesen kühnen Visionen werden wird: gar nichts, zumindest nicht in absehbarer Zukunft.  

Der Kampf gegen die CO2-Emissionen, dem sie sich die ganze Branche verpflichtet fühlt, ist nämlich eine Art Stellungskrieg: jeder noch so kleine  Fortschritt muss mühselig erobert werden. Denn sobald man irgendwo ein paar Gramm CO2 eingespart hat, tauchen sie woanders meist auch schon wieder auf.  Der Stromverbrauch von Musks „Hyperloop“-Idee lässt sich z.B. recht schnell abschätzen: in kilometerlangen Röhren ein Vakuum erzeugen – dafür bräuchte es wohl ziemlich große „Supercharger“.

Beim e-Monday zählen Zahlen

Wenn man vor diesem Hintergrund von einem „Stammtisch für die Elektromobilität hört“, vermutet man instinktiv einen munteren Ideenwettbewerb. Beim Besuch der diesjährigen September-Ausgabe wird aber schnell klar: Hier treffen sich die Praktiker der Branche. Und die mögen vor allem zwei Dinge: Zahlen und Fakten.

Salbende Worte über die Rettung des Klimas spart man sich hier gleich komplett. Stattdessen geht es bei den Vorträgen sofort zur Sache: wo lassen sich tatsächlich Emissionen einsparen – und wie kann man sich das wirtschaftlich gestalten?

Emissionen nicht nur verlagern

So auch bei der Präsentation von Dr. Andreas Erber über die CFK-Produktion, die die SGL Group in Kooperation mit BMW betreibt. Dass Carbonbauteile Autos um bis zu 50 Prozent leichter machen können, ist dank Formel 1 allgemein bekannt. Bevor man nun aber von einer Halbierung aller Autoabgase träumt, gibt Erber zu bedenken, dass die Herstellung von CFK-Fasern eine äußerst energie- und kostenintensive Angelegenheit ist. Daher steht man gleich wieder vor dem typischen Dilemma: Anstatt Abgase zu vermeiden, würde man sie höchstens verlagern.

Dieses Problem löst SGL durch eine ausgeklügelte Standortwahl: In „Lake Moses“ im US-Bundesstaat Washington steht durch einem riesigen Staudamms genügend grüne Wasserkraft bereit. Deshalb aber gleich von einer „CO2 – neutralen“ Produktion zu schwärmen, kommt SGL-Mann Erber aber erst gar nicht in den Sinn. Da verweist er gleich darauf, dass die fertigen Matten ja schließlich nicht „per Segelflieger“ zur Endmontage kämen.

Ein Leben nach dem Auto

Dr. Jürgen Koch von der EVA Fahrzeugtechnik GmbH schlägt in seinem Vortrag ebenfalls einen nüchternen Ton an: Er versucht, den Batterien von Elektroautos ein zweites Leben zu ermöglichen. Im Fahrzeug müssen die Akkus sehr viel mehr leisten als im stationären „Hausgebrauch“. Wenn ihre „Mobilitätskarriere“ dann altersbedingt vorbei ist, könnten sie also durchaus noch andere Aufgaben übernehmen –  und z.B. die Energie einer Photovoltaikanlage zwischenspeichern.

Kollegen sind ein kritisches Publikum

Aber auch hier steht die Kosten/Nutzen-Rechnung klar im Vordergrund. Daher befindet sich das Projekt in einer Erprobungsphase, um alle Eventualitäten durchzuspielen: Wieviel Energie ist nötig, um diese Batterien zu kühlen? In welcher Form geht das wirtschaftlichsten – einzeln oder gebündelt? Kommt bald eine neue Generation von E-Auto Batterien auf den Markt, die sich auch im „Leben danach“ ganz anderes verhält?

In kritischen Nachfragen lassen sich die Elektromobilitätskollegen in den anschließenden Fragerunden dann auch gerne mal die genauen Volt- und Amperzahlen vorrechnen. Und das ist auch gut so: Denn nur so lassen sich die vielen schönen Ideen zur Elektromobilität eines Tages auch sinnvoll umsetzen.

Der e-Monday

Der e-Monday findet einmal im Monat in München statt. Er wird von MunichExpo, dem Ausrichter der weltweit größten Messe zur Elektromobilität „eCarTec“, organisiert. Thematisch liegt er genau wie die Messe auf der Schnittmenge zwischen Elektromobilität, Leichtbau und vernetztem Fahren.   

Grüne Supply-Chain für den Leichtbau

Dr. Andreas Erber stellte den Ansatz der SGL zum Leichtbau durch CFK vor. CFK mag ein alter Hut sein, denn in der Formel 1 kommt es schon seit über 30 Jahren zum Einsatz. Allerdings machte Erber klar, dass CFK nicht gleich CFK ist: denn wenn den Werkstoff in Kleinstserien, wie etwa den ca. 10 F1- Boliden, die ein Team im Jahr baut einsetzt oder in der einer Großserie, wie beim BMW i3, ist ein ziemlicher Unterschied.

Das Material mag das gleiche sein, aber die Motivation ist eine völlig andere. Denn zum einen spielt bei Supersportwagen der Preis definitionsgemäß höchstens eine Nebenrolle. Zum anderen kann man bei so geringen Stückzahlen auch höhere Emissionen in Kauf nehmen. Wenn man allerdings Elektroautos für den Massenmarkt in Großserie produziert, sollte man beide Faktoren gut im Auge behalten. Ein emissionsfreies Elektroauto zu fahren, bei dessen Herstellung aber mehr CO2 freigesetzt wurde als ein Durchschnittsbenziner jemals produzieren könnte, wäre freilich nicht sinnvoll.

Da die Herstellung der Carbonfasern aber von Haus aus sehr energieaufwendig ist, musste man SGL nach einer Möglichkeit suchen, die dazu benötigte Energie aus erneuerbaren Quellen zu bekommen. Daher entschied man sich für den Sandort „Moses Lake“ im US-Bundestaat Washington, denn dortige Stausee versorgt das CFK direkt mit Strom aus Wasserkraft. Von einem „CO2 neutralen Werkstoff“ zu sprechen fände Erber allerdings trotzdem naiv – schließlich kommen die produzierten Carbonmatten ja „nicht mit dem Segelflieger“ zur Endmontage nach Deutschland.

Megacitys kommen um die Elektromobilität nicht herum

Auch ABB macht sich keine Illussionen darüber, dass die Elektromobilität „emissionsfrei“ wäre. Allerdings erinnert er daran, dass auch schon eine „lokale“ Emissionsfreiheit ein sehr drängendes Problem lösen kann: nämlich den Smog der Megacitys. Die erhöhten Feinstaubwerte deutscher Großstädte wären im globalen Vergleich eher lächerlich – allein China zählt schon 10 Städte mit einer Einwohnerzahl von über 5 Millionen.