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Zwischen Carsharing und Elektromobilität: Daimlers Strategie für die Zukunft
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Interview

Zwischen Carsharing und Elektromobilität: Daimlers Strategie für die Zukunft

Die Stuttgarter haben das Automobil erfunden und damit eine Weltmarke etabliert. Doch die Zeiten haben sich geändert. Alternative Antriebe und neue technische Entwicklungen kennzeichnen das Auto der Zukunft. Hersteller und Marken konkurrieren um die Gunst eines noch überschaubaren Käufermarkts. Der Erfolg des Elektroantriebs hängt stark von der Form der Energiespeicherung ab. Wie ist einer der weltweit größten Autokonzerne in diesem Bereich aufgestellt? Welche Strategien verfolgt Daimler auf dem Weg zum Automobil der Zukunft? YooCorp sprach mit Koert Groeneveld, Leiter Research & Development Communications bei der Daimler AG.

YooCorp: Die industrielle Produktion von Batterien für Elektroautos in Deutschland rückt näher. Erst kürzlich gelang am Zentrum für Sonnenenergie- und Wasserstoff-Forschung Baden-Württemberg (ZSW) die Herstellung seriennaher Lithium-Ionen-Zellen für Plug-in-Hybridautos. Welche Rolle spielt dabei Daimler als Partner des ZSW?

Groeneveld: Daimler verfügt über ein hohes Know-how auf dem Gebiet der Batterietechnologie. So haben wir als einziges Automobilunternehmen am Standort Deutschland die Entwicklung und Produktion von Lithium-Ionen Zellen aufgebaut. Außerdem haben wir mit der Deutschen ACCUmotive im sächsischen Kamenz die Fertigung von  Hochvolt-Batteriesystemen für Elektro- und Hybridfahrzeuge erfolgreich etabliert. Ein weiterer wichtiger Faktor ist unser langjähriges Engagement innerhalb der branchenübergreifend tätigen Nationalen Plattform Elektromobilität (NPE) – u.a. leiten wir dort die „Arbeitsgruppe Batterie“. Ziel dieses Beratungsgremiums der deutschen Bundesregierung ist nicht zuletzt, gemeinsam Forschungsschwerpunkte zu identifizieren um Deutschlands auf den Weg zum Leitmarkt und -anbieter für Elektromobilität zu bringen.

YooCorp: Wie bereits festgestellt und laut aktuellem Bericht der Nationalen Plattform Elektromobilität ist das Batteriegeschäft lukrativ. So entfallen bis zu 40 Prozent des Wertschöpfungsanteils in Elektrofahrzeugen auf die Batterien. Wie sieht es bei der Fertigungskompetenz von Daimler in nächster Zukunft aus: Batterien kaufen oder selber bauen?

Groeneveld: Wir halten die Batterietechnologie für ein sehr interessantes Innovationsfeld, vor allem in Hinblick auf Konzeption, Entwicklung und Produktion des Gesamtsystems bestehend aus Zellen, Steuerungselektronik, Software, Kühlung und dem auf das Fahrzeug maßgeschneiderten Gehäuse. Das dafür notwendige Know-how liegt bei der Deutschen ACCUmotive, die ihr erfolgreiches Geschäftsmodell derzeit deutlich ausbaut.

Neues Technologiezentrum für alternative Antriebe und autonomes Fahren

YooCorp: Das Elektroauto Denza ist in China für den chinesischen Markt entwickelt worden. Ein Know-how- Transfer bezüglich innovativer Technik des deutschen Autobauers scheint es nicht gegeben zu haben. Statt Lithium-Ionen-Akkus kommen im Reich der Mitte Batterien mit Lithium-Eisen-Phospat-Technik zum Einsatz. Gibt es noch mehr Kompromisse, die bei Joint Ventures im Ausland aus deutscher Sicht notwendig sind?

Groeneveld: Im Zuge einer Produktentwicklung schauen wir uns unabhängig von unseren Joint Ventures immer die gesamte Lieferantenlandschaft an und entscheiden projektweise zugunsten des Gesamtpakets. Die ACCUmotive, die beispielsweise die Batterien für unseren smart electric drive herstellt, greift bei den Zellen grundsätzlich nicht ausschließlich auf einen Anbieter zurück, sondern auf den verfügbaren Gesamtmarkt. Bei der B-Klasse Electric Drive haben wir uns hingegen für das Unternehmen Tesla entschieden, mit dem wir bereits seit mehreren Jahren sehr erfolgreich zusammen arbeiten. Innerhalb unserer strategischen Partnerschaft kamen so z.B. Komponenten des US-Unternehmens in der zweiten Generation des smart fortwo electric drive sowie in der A-Klasse E-CELL zum Einsatz. Und Denza ist ein Joint-Venture mit dem chinesischen Batteriespezialisten BYD, der seine Kompetenz auf dem Gebiet der Energiespeicher in unser Gemeinschaftsprojekt mit einbringt.

YooCorp: Mit dem Bau des 200 Millionen Euro teuren Prüf- und Technologiezentrums in Immendingen, Baden-Württemberg, möchte das Unternehmen den Bau neuer Antriebsformen vorantreiben. Was genau sind die Arbeitsschwerpunkte, die in Zukunft in Immendingen erfolgen sollen?

Groeneveld: Bei der Entwicklung des Autos von Morgen, wird dem Prüf- und Technologiezentrum eine Schlüsselrolle zukommen. Die Erprobungsmaßnahmen in Immendingen werden wesentlich dazu beitragen, unseren Fahrzeugen in Zukunft noch mehr autonome Funktionen beizubringen und dass Autofahren noch sicherer und umweltschonender wird. Davon profitieren nicht nur unsere Kunden, sondern auch das Land Baden-Württemberg als Standort. In Immendingen steht die Mobilität der Zukunft im Fokus: Auf einer Fläche von 500 Hektar wird hier künftig die Optimierung von Verbrennungsmotoren und die Weiterentwicklung alternativer Antriebe vorangetrieben.

YooCorp: Wie Sie eben sagten, steht als nächste große Entwicklung autonomes und intelligentes Fahren auf der Agenda von Daimler und anderer großer Autobauer. Doch es gibt noch viele Fragezeichen im Bereich Haftung, Datenschutz und Technik (bspw. funktionierende Assistenzsysteme). Was ist aktuell bereits machbar und wann in etwa wird es das vollautonome Auto mit Stern geben?

Groeneveld: Unser Ziel ist es, das Auto der Zukunft zum intelligenten Begleiter zu machen, der die Wünsche und Vorlieben seiner Insassen erkennt und entsprechende Vorschläge unterbreitet. Die immer intelligentere Vernetzung des Fahrzeugs revolutioniert unser heutiges Verständnis von Komfort, Sicherheit und Infotainment. Autonomes Fahren ist für uns keine Frage des Ob, sondern des Wann. Wir erwarten, dass erste hochautomatisierte Fahrsysteme auf bestimmten Straßentypen, zum Beispiel Autobahnen, und bei geeigneten Wetterbedingungen bereits in einigen Jahren realisiert werden können. Vollautomatisiertes Fahren auf beliebigen Streckenabschnitten wird aber noch einige Jahrzehnte auf sich warten lassen. Autonomes Fahren bietet insbesondere Entlastung in meist lästig empfundenen Fahrsituationen – beispielsweise im Stau, in der Innenstadt oder auf langen Fahrten. So eröffnet es den Menschen neue Möglichkeiten, ihre Zeit unterwegs optimal zu nutzen. Die Zeit, die man im Auto verbringt, bekommt eine völlig neue Qualität. Wer die Entwicklung unserer Mercedes-Benz Fahrzeuge genau beobachtet, wird erkennen und „erfühlen“, dass wir mit viel Aufwand unsere Fahrzeuge als angenehme Aufen thaltsorte gestalten und so diese beschriebene Zukunft bereits antizipieren.

Carsharing und Erdgasfahrzeuge haben ebenfalls Potenzial

YooCorp: Zurück zu den alternativen Antriebsarten. Erdgasfahrzeuge gehören in Deutschland zu den beliebtesten dieser Art. 2014 wurden laut den Statistiken des Kraftfahrt-Bundesamtes mehr als 9.100 Pkw und Nutzfahrzeuge mit Erdgasantrieb neu zuglassen. Unter den 10 beliebtesten Erdgasfahrzeugen des vergangenen Jahres, gemessen an den Verkaufszahlen, belegt Daimler mit seinem Mercedes B200 NGD nur den neunten Platz. Wo gibt es da noch Verbesserungspotential?

Groeneveld: Alles in allem ist das Rennen um die Antriebsform der Zukunft noch lange nicht entschieden. Aus unserer Sicht wird es dafür nicht die eine Lösung geben. Deshalb setzen wir auf unterschiedliche Technologien, die optimal auf die jeweiligen Kundenbedürfnisse und Fahrzeugtypen zugeschnitten sind. Wir fahren dabei dreispurig und verfolgen einen intelligenten Mix aus innovativen Verbrennungsmotoren, Hybridantrieben und lokal emissionsfreien Elektrofahrzeugen mit Batterie- oder Brennstoffzelle sowie Erdgas ist technologisch sehr attraktiv und hat in den letzten Jahren auch in gewisser Weise eine kleine Renaissance erfahren. Die Fahrzeuge sind ideal für Vielfahrer und dementsprechend für Langstrecken geeignet, bei denen hohe Effizienz und große Reichweiten eine besondere Rolle spielen.  

YooCorp: Das Carsharing-Angebot „car2go“ von Daimler hat sich sehr erfolgreich in den Großstädten etabliert. Folgt Daimler mit dem Angebot der Prognose des Instituts für Automobilforschung, dass gesellschaftliche Trends nicht nur im Bereich der alternativen Antriebe liegen, sondern auch neue Geschäftsmodelle und Technologien Erfolgspotentiale versprechen?

Groeneveld: Innovationen sind heute mehr denn je der Schlüssel zum Erfolg. Der Fokus liegt nicht mehr auf dem Produkt „Auto“ allein. Neue Technologien sowie kundenorientierte Geschäftsmodelle und Dienstleistungen tragen ihren Teil dazu bei, dass das Automobil auch künftig nichts an Attraktivität einbüßt. Es geht dabei zum einen um moderne, vernetzte Informationssysteme und um alternative Antriebe gleichermaßen. Auf Grundlage unserer Expertise im Automobilbau und automobiler Systemanwendungen streben wir die Innovationsführerschaft im Bereich urbaner Mobilitätskonzepte an. Daimler engagiert sich dahingehend in zahlreichen Forschungs- und Kooperationsprojekten und ist mit car2go Pionier und Marktführer im stationsunabhängigen Carsharing. Von den insgesamt 13.000 smart fortwo Fahrzeugen fahren dabei weit mehr als 1000 Fahrzeuge rein elektrisch.

Passagiere im Innenraum des mit zahlreichen Displays ausgestatteten Mercedes F 015 Luxury in Motion.

F 015 Luxury in Motion: Der Mercedes der Zukunft?

YooCorp: Welche großen Innovationen stehen für 2015 an?

Groeneveld: Bereits zum Jahresauftakt haben wir unser neues autonom fahrendes Forschungsfahrzeug, den F 015 Luxury in Motion, erstmalig auf der CES in Las Vegas präsentiert. Der F 015 geht weit über die rein technische Realisierung des automatisierten Fahrens hinaus. Zwei Aspekte sind dabei besonders relevant: er bietet seinen Insassen mehr Zeit und Raum – die Luxusgüter der Zukunft. Dabei zeichnet sich der F 015 durch sein revolutionäres Interieur-Konzept aus. Mit rundum installierten hochauflösenden Displays wurde ein umfassend vernetzter, digitaler Erlebnisraum geschaffen, der den Menschen ganz neue Freiheiten bietet, die Zeit unterwegs im Fahrzeug individuell zu nutzen: zum Entspannen, Kommunizieren oder effizienten Arbeiten – ein echter Gewinn an Lebensqualität. Die Bedienung erfolgt intuitiv über Gesten, Eye-Tracking und Touch-Funktionen. Mit großen interaktiven LED-Flächen an Front und Heck und einem hochpräzisen Laser-Projektionssystem kommuniziert und interagiert der F 015 auch mit seiner Umgebung und bietet so nicht nur seinen Passagieren, sondern auch anderen Verkehrsteilnehmern einen Mehrwert und erhöht die Sicherheit im Verkehr. Darüber hinaus werden wir die nächste Schritte in Richtung vernetztes Fahrzeug, autonomes Fahren und effiziente Plug-In Hybride gehen.

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